Rahel

nach 1. Mose 29–30 und 35

Ich hütete die Schafe meines Vaters. Barfuß lief ich über die Steine der Steppe, und der Wind blies mir den Staub ins Gesicht. In der Mittagszeit flimmerte die Luft. Das Blöken der Schafe begleitete mich zum Brunnen. Ich war Rahel, Labans Tochter – die Hirtin.


Die Nächte in der Wüste sind kalt. Dann wärmten und leuchteten die Feuer, und ich tanzte mit meinen Schwestern zu den Klängen des Tamburin. Die Hirten sagten, dabei funkelten meine Augen schwarz und glühend. An den Armen trug ich silberne Reifen und die Schleier über meinen langen Zöpfen waren kostbar und leicht wie Morgennebel. 

Ich begegnete Jakob an der Wasserstelle. Ein großer Stein lag vor der Öffnung des Brunnens. Bei den Hirten sah ich einen, den ich nicht kannte. „Da kommt Rahel, Labans Tochter“, hörte ich die anderen sagen. Und dann wälzte Jakob den schweren Stein vom Brunnen weg und tränkte die Schafe Labans. Und als er mich ansah, wusste ich, dass sich alles verändern würde. 
Mich begehrte Jakob zur Frau, hörst du, Lea – erstgeborene Schwester! 


Aufrecht und mit leichtem Schritt ging ich an dir vorbei und sah deine Tränen nicht. Jede von uns weinte auf ihre Weise, Lea. Aber das wusste ich damals am Brunnen noch nicht. Da spürte ich nur meinen Herzschlag.

Jakob diente um mich bei Laban, sieben Jahre – ein hoher Brautpreis. Ich war Rahel – Jakobs Braut. Lea, deine Einsamkeit erkannte ich nicht.  Jeden Abend traf ich mich mit Jakob am Brunnen und fühlte wilde Freude, die Schönste von allen Hirtinnen und Töchtern Labans zu sein.


Jakobs Liebe ließ die Jahre schnell vergehen. Doch ich war machtlos gegen Labans Bestimmung. Es ist Gesetz der Sippe, dass zuerst die ältere Tochter verheiratet wird. Du erinnerst  dich noch an den Betrug in der Brautnacht. Jakob hob den Schleier und sah dich, Lea – nicht mich. Nach der Hochzeitswoche führte mich Laban endlich zu Jakob. Und Jakob diente noch einmal sieben Jahre.

Du standest immer in meinem Schatten, Lea. Bis zu dem Tag ... Du hast Jakob euren erst geborenen Sohn Ruben in die Arme gelegt. Da hat er dich und das Kind angelächelt. Ich rannte aus dem Zelt und verbarg mich hinter einen Tamariskenstrauch. Deine Schwangerschaften, Lea. Jetzt bist du es, die mit hoch erhobenen Kopf zwischen den Zelten umhergeht, den kleinen Simeon an der Hand – so, als willst du sagen: Der Herr hat gehört, dass ich ungeliebt bin und hat mir auch diesen gegeben. Denn mich liebt Jakob – schau her, Lea! Doch ich fühle mich schon lange nicht mehr wie eine Königin. Mühsam erhalte ich mein Lächeln und streiche das Kleid über meinen flachen Bauch glatt. In der Nacht, wenn alle Feuer ausgebrannt sind, weine ich lautlos in die Felle meiner Lagerstatt.


Ich bin Rahel – die Kinderlose.

Es gibt dieses Jahr besonders viele Lämmer. Weiche, kleine Schafskinder. Das Schwarze hier, nehme ich mit in mein Zelt. Es soll mir ganz allein gehören.
Ja, jetzt bin ich Rahel – die Lamm-Mutter.
Lea, du bist schon wieder schwanger.
Du bist immer schwanger!
Lea, Schwester ... Wer kann mir helfen?

„Schaffe mir Kinder, wenn nicht, sterbe ich“, flehte ich Jakob an.
Ich streute mir Asche auf das Haupt und zerriss mein Kleid.
Da wurde Jakob zornig gegen mich: „Bin ich doch nicht Gott, der dir deines Leibes Frucht nicht geben will!“ Wütend schrie ich Jakob an: „Siehe, da ist meine Magd Bilha, geh zu ihr, dass sie auf meinem Schoß gebäre und ich durch sie zu Kindern komme.“ Im gleichem Atemzug bereute ich diese Worte. Aber als ich sah, wie Jakob der rotwangigen Bilha nachschaute, ahnte ich, dass es zu spät war. Denn Bilhas Haut ist glatt und fest. Und ihr Augenaufschlag gegenüber Jakob? Warum habe ich das vorher nie bemerkt? Es ist in unseren Sippen nicht unüblich, dass Mägde ihren Herrinnen Kinder gebären, beruhigte ich meine aufgescheuchten Gedanken. 

Der Tonkrug mit Milch fiel mir aus den Händen. Schmerzhaft spürte ich die Scherben. Milch versickerte im Sand – so wie immer mein Blut weg fließt nach der Frauen Weise
In die Süße meiner Lippen mischt sich immer mehr Bitterkeit. 

Ein Kind von Jakob – dann will ich sterben – Jahwe. Denn ich kann nicht mehr. Tränen und Blut.
Mein Leben gegen das meines Kindes – Jahwe. So flüstere ich, bete und klage ...

M. R.